Mein Jakobsweg durch die Schweiz - mein Weg nach Innen

Feldkirch - Liechtenstein - Schweiz (Genf) im Juli 2003

Nachdem ich im Vorjahr durch das Pilgern am österreichischen Jakobsweg bis Feldkirch (Bericht im Juniheft) so viele Erkenntnisse für mich gewinnen konnte, war für mich klar, dass ich dies wieder erleben möchte und deshalb auf jeden Fall den Jakobsweg fortsetzen will. Zusätzliche Motivation erfuhr ich durch die vielen InteressentInnen nach meinen Lichtbildvorträgen und den Rückmeldungen nach der ORF-Sendung über meinen Jakobweg. Durch das Interesse, aber auch Verstärkung durch die Gleichgesinnten konnte ich fast gar nicht das Schulende abwarten um endlich wieder am Weg zu sein. Doch anscheinend war es für mich wichtig noch eine Portion Geduld zu lernen, denn am letzten Schultag erkrankte ich und ein grippaler Infekt zwang mich 1 Woche das Bett zu hüten und die Abreise zu verschieben. Ja, so lernte ich flexibel zu sein. Zuerst haderte ich, bei dem hochsommerlichen Wetter Ruhe zu geben (auch der Rucksack war schon gepackt und alles für die Abreise organisiert) und mich auszukurieren, aber schließlich nahm ich die Situation an und übte mich in Gelassenheit.

Durch das im Vorjahr erworbene Vertrauen in meine psychische u. physiche Kraft, machte sich außer Vorfreude nichts breit, als ich endlich den Zug nach Feldkirch besteigen konnte und ich mich wieder auf das Abenteuer "Mein Weg nach Innen durchs Pilgern" einließ. Vieles was mich im Vorjahr beunruhigte, manchmal auch ängstigte, für das war durch mein starkes Selbstbewußtsein (danke Hlg. Jakob) gar kein Platz mehr. Die Vorteile des einfachen Pilgerlebens, des Alleinseins, das Ruhigwerden im Geist waren mir bewußt und weckten Vorfreude. Einzig die Frage wie ich in der französischen Schweiz ganz ohne Französischkenntnisse zurecht kommen werde, fand ich eine tolle Herausforderung, die ich als "Vorübung" für den französischen Jakobsweg nächsten Jahr sicher brauchen kann. Neue Sprache, anderes Land, andere Markierungen, neue Begegnungen, - einfach Neues zulassen. Auf diesen ca. 480 km langem Jakobsweg gelang es mir über weite Strecken mit viel Achtsamkeit meine eigenen Schritte wahrzunehmen, das Gehen zu genießen und mich langsam von einem schönen Platz zum anderen fortzubewegen. So im gegenwärtigen Moment zu sein und bewußt auf den eigenen Atem zu hören, das Gehen zu spüren, das Gewicht des Rucksacks wahrzunehmen und auch die Wahrnehmung nach außen zu verlagern. Diese intensiven Sinneseindrücke wie Pflanzen, Tiere, Luft, Licht, Wegbeschaffenheit ließen es zu, dass ich Gedanken kommen und gehen lassen konnte und oft Meditation im Gehen erlebte. Ich hatte wunderschöne Tierbegegnungen mit Füchsen, Wild und Greifvögel, meist in den Morgenstunden, denn durch die extreme Hitze dieses Sommers bin ich schon oft um 6.00 gestartet.

Die herrliche Landschaft der Schweiz, die Berge und Seen (vom Walensee, über Zürichsee, Sihlsee, Vierwaldstättersee, Sarnersee, Lungerersee, Brienzersee, Thunersee, schlussendlich der Genfersee) verlockten mich oft kleine oder größere "Umwege" zu machen um noch mehr davon kennenzulernen. Im Gegensatz zum Vorjahr hatte ich heuer genaue Wanderkarten mit (dazu rate ich auch in Österreich) um möglichst flexibel gehen zu können und vor allem auch das Vertrauen in mich, dass ich mich gut zurecht finde und mich nicht akkurat an den Jakobswegführer halten muss. Eine große Leichtigkeit und Sicherheit stellte sich beim heurigen Pilgern ein. Der Schweizer Jakobsweg ist ganz toll beschildert und es gibt oft mehrere Möglichkeiten ihn zu gehen und ich ließ mich da oft von meinem Gefühl, Intuition leiten. Ich konnte auch zulassen mich mehr auf den Augenblick zu konzentrieren, auf den Genuß des gegenwärtigen Augenblicks. Jedes Gewässer, jeder See lud mich auf ein abkühlendes Bad ein und bei Durchschnittstemperatur von 35°, ließ ich keine Gelegenheit aus um den Rucksack abzuwerfen, mich aus den verschwitzten Klamotten zu schälen und mich mit Begeisterung ins klare Nass zu stürzen (ganz egal ob dort ein Zugang oder Strand war). Genauso ging es mir mit den phantastischen Ausblicken von Bergen, Pässen auf Seen, Wasserfälle, Täler. Ich nahm mir die Zeit und genoß mit allen Sinnen. Einfach wahrzunehmen wie diese Weite im Blick über die Berge, die Beengtheit des Tales unwichtig macht, da ließ ich einiges zurück, was mich im Alltag so manchmal an Problemchen beschäftigt. So von oben betrachtet erschienen sie ganz unwichtig und klein: "Wenn Du Dinge losläßt, hast Du zwei Hände frei"! So ein Perspektivenwechsel hat was!

Begegnungen mit anderen PilgerInnen brachten schöne Erlebnisse, Erfahrungsaustausch und dadurch viel Freude. Viele Schweizer PilgerInnen haben eine gelassene Einstellung zum Pilgerweg. Jedes Jahr nehmen sie sich ein paar Tage Zeit und gehen am Jakobsweg durch die Schweiz, so weit sie halt kommen und im nächsten Jahr setzen sie dort fort, wo sie ihn im Vorjahr beendet haben. Eine tolle Einstellung, finde ich und kann man gut auf alle Jakobswege (auch auf den österreichischen) anwenden. Die historischen, religiösen Nachweise des Jakobweges sind in der Schweiz vielzählig und wunderbar. Die vielen Wallfahrtsorte wie z.B. Maria Einsiedeln, Kappellen von Bruder Klaus in Flüeli Ranft, sind Zeugnis von intensiver Pilgertradition. Für mich waren sie Labsal, denn wann immer ich eine Kirchturmspitze, ein Türmchen oder Kreuz einer Kapelle in der Ferne sah, wußte ich dass ich am "richtigen" Weg war, aber vor allem, dass ich ein kühles Plätzchen zum Besinnen und Betrachten finde.

Die heurige einzige große Herausforderung war, kontinuierlich meinen Weg über 17 Tage zu pilgern, obwohl die Hitze so groß war. Doch teilte ich meine körperliche Kräfte gut ein und pausierte in den heißen Nachmittagsstunden und ging den größten Teil der Strecke von 6.00 - 14.00 und von 16.00 - 19.00. Einfach annehmen was kommt und schauen wie ich damit zurecht komme, das war meine Devise. Am 17. Tag erreichte ich Genf und genoß in Muse die herrliche Altstadt am Genfer See. In der Kathedrale St. Pierre (aus dem 12. Jhd.) beendete ich meinen heurigen Pilgerweg mit einer kleinen Andacht als Dank für die gesunde Ankunft und spürte wieder die Sehnsucht im nächsten Jahr dort wieder fortzusetzen, um noch weiter nach Santiago zu pilgern.

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